christianmuthspiel
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liner notes

Hermann Beil:

Im Anfang war das Wort - diese lapidare Botschaft aus dem Evangelium nach Johannes wird von Ernst Jandl schon im ersten Wort seines Zitats voll lautmalerischem Hintersinn in Frage gestellt. Die biblische Verkündigung mündet in der totalen Laut- und Wortverdrehung. Und so bekommt Christian Muthspiels vielstimmiges Jandl-Solo „für und mit ernst" eine weitere Bedeutung, weil dieses Solo, das ja doch ein Muthspiel-Solo ist, auch „aus Ernst" besteht und zugleich wider den tierischen Ernst ansingt und „voll Ernst" Jandls „Donner der Sprache" in luziden Klang verwandelt.

Wenn Jandl sagt, dass ein Sprechgedicht erst durch lautes Lesen wirksam wird, so steigert sich diese Wirkung durch Muthspiels Musizieren, das anspielungsreich die musikalischen Energien in Jandls Gedichten aufspürt und pointiert. Die ewige Debatte „prima la musica, poi le parole", also wer hat den Vorrang - die Musik oder das Wort? -, dieser Disput führt bei Antonio Salieri zu einem Divertimento teatrale, bei Richard Strauss zu einem zweistündigen Konversationsstück für Musik und offenem Ausgang, bei Christian Muthspiel ist es allerdings fraglos klar: prima la musica, prima le parole: Mit und durch Ernst Jandl.

Das unmissverständliche „ssso" am Ende der Performance bedarf eben keiner Musik mehr, denn wir erleben ja schon vorweg beim Hören dieses „ernsten Scherzes", um auch einmal Goethe zu zitieren, den Klang der Worte, also mit welcher Phantasie aus Jandls Gedichtworten Musik springt, quillt, spricht. Der imaginäre Dialog zwischen dem Schriftsteller und dem Komponisten wird zu einem originellen Sprach- und Sprechkonzert, zu einer subtilen wie zupackenden Komposition, in der die überaus beredte Posaune, die behänd gegriffenen Holzpfeifen des messiaenhaften Vogelkonzerts (es konterkariert den grimmigen Humor des Amsel-Gedichts), die raffiniert und nie auftrumpfend eingesetzten elektronischen Loops, der ferne, zarte Schubert-Klang am Klavier eine suggestive Klangwelt schaffen, in der Jandls Wort tatsächlich unter uns wohnt. Es wohnt in Christian Muthspiel und spricht obendrein aus ihm. Dem Rhythmus seines swingenden Sprechens kann sich gewiss keiner entziehen.

Wer ihn mit seinem virtuos genutzten Instrumentarium live erlebt - erstmals 2005 in Neuberg an der Mürz und bisher über 40 mal in Österreich, Deutschland und der Schweiz - der hört und sieht nicht nur ein erfrischendes, poetisches Theaterkonzert, der begegnet vielmehr stets jenem besonderen Augenblick, welchen wir Inspiration nennen. Diese Aufnahme ist dafür ein authentisches Dokument, weil sie ein reales Konzert festhält. Muthspiels Musizieren, Singen und Sprechen ist immer spontan, es ist eine hellwache Improvisation um einen Fixpunkt: um Ernst Jandl.

Die Musik öffnet und schärft das Ohr für das Wort. Das Wort wiederum erweckt die Musik. Wort und Musik sind kein Gegensatz. Für den, der Hören kann, gibt es keine Rangfolge, denn Jandls Stimme ist ja selbst Instrument; ein Instrument sui generis, auf das durchaus die Zeilen eines Jandl-Gedichts zutreffen:

in der tiefe freut man sich an einem schön geführten,
        warm und voll klingenden organ.
ich würde eine solche geige erwerben.

Christian Muthspiel hat Jandls „Geige" mit traumwandlerischer Leichtigkeit ergriffen und musiziert damit auf ideale Weise. In diesem Musizieren bewahrheitet sich, voll Anmut und Witz, was Ernst Jandl (1925 - 2000) in einem seiner „Letzten Gedichte", die erst nach seinem Tod veröffentlicht worden sind, schreibt:

die ohren sehen wie augen hören
die augen hören wie ohren sehen