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Andreas Felber:
Die ungebrochene Aktualität das "Octet Ost"-Gedankens

Zwölf Jahre sind vergangen, und doch scheint es, als wäre es gestern gewesen: Etwas auf alle Zeiten scheinbar Unverrückbares war anno 1989 plötzlich in Bewegung, in einer unaufhaltsamen Kettenreaktion aus allen Fugen geraten. Ein Regime nach dem anderen, ein ganzes ideologisches Weltbild schien auf einmal morsch geworden und in sich zusammen zu stürzen. Geschichte war plötzlich kein abstraktes Konstrukt mehr, über das man in Büchern las, sondern etwas, das sich tagtäglich gleichsam vor den eigenen Augen abspielte.

"Die politische Situation war immens aufregend", erinnert sich Christian Muthspiel, "Insbesondere als die ersten Meldungen kamen, dass der Eiserne Vorhang offen ist und die DDR-Flüchtlinge über Ungarn nach Österreich ausreisen können. Als ich damals in Wien vom Bankomat Geld abgehoben habe, standen plötzlich zehn Leute um mich herum, nur um zu beobachten, was ich da mache. Sie hatten so etwas noch niemals gesehen. Es war großartig, ich hatte plötzlich das Gefühl, ich befände mich mitten in der Geschichte."

Für Christian Muthspiel, den damals 27-jährigen Posaunisten, Pianisten und Komponisten, der sich im "Duo Due" mit Gitarren-Bruder Wolfgang einen Namen erspielt hatte, war die Revolution in Rumänien, der nach dem Fall der Regimes in Polen, Ungarn, der DDR, Bulgarien und der CSSR letzten kommunistischen Bastion, der entscheidende Anstoß, auf diese epochalen Umwälzungen zur reagieren. Mit seinen Mitteln. Die Idee eines Ensembles mit - so der ursprüngliche Plan - je einem Mitglied aus den ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten, das er drei Wochen nach Beginn der Unruhen in Temesvar, etwa zur Zeit der Exekution des rumänischen Diktators Nicolae Ceausescu, Ende Dezember 1989 auf die Beine zu stellen begann, leitete sich neben langjährigen literarischen Interessen an Osteuropa vor allem aus der Wertschätzung der dortigen Jazz-Szenen her, deren Potenzial nicht zu nützen Muthspiel "richtig hochnäsig" vorgekommen wäre. "Mir ist aufgefallen, dass z. B. Kiew von Wien aus näher liegt als Paris - und man dennoch dachte, das sei ein anderer Planet. Ohne mich zu wichtig zu nehmen, wollte ich einen der vielen notwendigen kleinen Bausteine dazu beitragen, in Europa die Chance des Anfangs einer neuen Ära wahrzunehmen." Über Empfehlungen und Bekanntschaften kristallisierte sich die erste Besetzung des "Octet Ost" heraus, die bereits im Frühjahr 1990 durch Österreich, die Schweiz und Deutschland tourte. Rückblickend mutet es beinahe wie ein kleines All-Star-Ensemble an - und vielleicht ist darin bereits auch ein Teil seines Erfolgs zu sehen: Einzig Tomasz Stanko galt damals als Fixstern am europäischen Jazz-Firmament, der Ost-Berliner Klaus Koch, der aus der UdSSR stammende, im bulgarischen Varna, wo er seit 1992 das angesehene Jazzfestival leitet, heimisch gewordene Anatoly Vapirov und der durch das unvergessene Ganelin-Trio bekannte Vladimir Tarasov aus dem litauischen Vilnius genossen in Fachkreisen hohe Reputation. Nicolas Simion, der kurz zuvor nach Österreich gekommen war, Anca Parghel, die wenig später im Duo mit dem deutschen Pianisten Klaus Ignatzek Furore machte, waren damals international so gut wie unbekannt. Was auch für Sainkho Namtchilak galt, die Europas Improvisationsmusik in den 90er Jahren um die substanzvolle Farbe der Oberton- und Kehlkopfgesangstechniken aus dem fernen Tuva bereichern sollte, und mit der Muthspiel (im Trio mit dem Schweizer Posaunisten Roland Dahinden) bereits eine Sowjetunion-Tournee absolviert hatte.

Musikalisch war das Unternehmen völlig vom Willen geleitet, den Musikern eine Bühne zu geben. Die komponierten, in bezeichnender nominaler Askese unbenannten kompositorischen Teile, die Anklänge an das "Vienna Art Orchestra" und etwa Igor Strawinsky nicht verleugnen, sich dennoch nur einmal - in einem bulgarischer Volksmusik nachempfundenen Tanz - konkretisieren, ordnen sich völlig der Improvisation unter. "Ich habe keine 'Stücke' komponiert, sondern nur 'Adapter', die Zielpunkte angeben, die in der Improvisation angesteuert werden. Ich habe eine Form gesucht, das hohe musikalische Potenzial und die wilde Anarchie der Musiker schlüssig zu fassen, ohne sie einzuschränken. Mich hat fasziniert, auf Leute zu treffen, für die der gesellschaftliche und politische Widerstand bis zu 30 Jahre lang im Instrument gelegen hat. Der einzige Platz, wo sie wirklich frei waren, war auf der Bühne. Sie empfanden große Bitterkeit gegenüber dem autoritären System, und bei allen Schikanen - Petras Vysniauskas etwa, der bei 'Octet Ost II' dabei war, entging nur knapp der Einberufung nach Afghanistan - konnte man nur die Umstände des Musizierens beschränken, nicht aber das Spielen selbst. Weshalb dort all ihre Freiheitsgedanken, ihre Träume und Visionen gelegen sind."

Muthspiels "Octet Ost" erfuhr bis 1995 drei Auflagen mit wechselnden osteuropäischen Musikern (nur Stanko und Vapirov blieben konstant dabei), 1994 wurde das Projekt auf einer zweiten CD mit dem Titel "Indirect View of Beauty" dokumentiert. Die ausführlichen Tourneen durch Mitteleuropa, mit der letzten Formation auch durch Russland, hatten für viele Partizipanten tatsächlich den gewünschten Effekt: Kontakte in den Westen zu knüpfen und hier verstärkt Arbeitsmöglichkeiten zu finden. Muthspiel selbst, heute erfolgreicher Komponist u. a. von Klavier- und Violinkonzerten, führte den Ensemble-Gedanken des Oktetts in seiner Formation "Motley Mothertongue" weiter, in der er improvisierende und klassische Musiker zusammenführt. "Octet Ost" hat auf allen Linien Spuren hinterlassen. Nicht nur die Musik, auch der Gedanke ist aktuell geblieben. Zwölf Jahre nach der Wende stehen die ehemals kommunistischen Staaten an der Schwelle zur Europäischen Union. Und man vermisst - insbesondere in Österreich - von mancher Seite eine Hand wie die, die ihnen Christian Muthspiel damals entgegen gestreckt hat.

Andreas Felber:
The Unbroken Relevance of the Octet Ost Attitude
Twelve years already, yet it seems like it was only yesterday. What had appeared forever immovable was suddenly in motion in 1989, coming apart at the seams in an unstoppable chain reaction. One regime after the other, an entire ideological world view seemed suddenly to have gone rotten und collapsed in on itself. History ceased to be an abstract construct one read about in books, but rather something that took place daily, as it were before one's eyes.

"The political situation was immensely exciting," remembers Christian Muthspiel, "especially when the first reports came that the iron curtain had been lifted and refugees from the GDR could leave through Hungary to come to Austria. One time when I was taking out money from a bank machine, there were suddenly ten people standing around me trying to see what I was doing. They had never seen anything like that before. It was great! I suddenly felt like I was in the middle of history."
Twenty-seven at the time, Christian Muthspiel had already made a name for himself as a trombonist, pianist and composer playing in Duo Due, with his brother Wolfgang on guitar. For him it was the revolution in Romania, the last remaining communist bastion after the fall of regimes in Poland, Hungary, East Germany, Czechoslovakia, and Bulgaria, that provided the impetus to react to these epochal changes. With his own medium.

The idea of an ensemble with one member from each of the former Warsaw Pact countries, which was the original plan, started to get off the ground three weeks after the beginning of unrest in Temesvar, right about the time the Romanian dictator Nicolae Ceausescu was executed at the end of December 1989. The idea derived, apart from Muthspiel's long-standing literary interest in Eastern Europe, primarily from his high regard for the jazz scenes in those countries, and not to use that potential would have been, in his words, "really conceited". Muthspiel comments, "It occurred to me that Kiev, for example, is closer to Vienna than Paris is - and yet it seemed like another planet. Without taking myself too seriously, I wanted to contribute one of the many small but necessary building blocks in order to perceive the chance of the beginning of a new era in Europe."

Through recommendations and through friends, the first constellation of Octet Ost crystallized, and by spring of 1990 the group was already touring Austria, Switzerland and Germany. In hindsight it appears like a small, all-star ensemble- and perhaps that was part of the reason for the group's success. Only Tomasz Stanko was already considered a fixed star in the European jazz-firmament at the time. Other members who enjoyed a good reputation among peers included the East-Berliner Klaus Koch, Anatoly Vapirov from the USSR, (who has since settled in Varna, Bulgaria, where he has been leading the highly acclaimed jazz festival since 1992) and Vladimir Tarasov from Vilnius, Lithuania, who was known for his part in the unforgettable Ganelin Trio. Nicolas Simion, who had only recently come to Austria, and Anca Parghel, who somewhat later made a big splash with her duo with the German pianist Klaus Ignatzek, were, internationally, practically unknown at the time. This was also true of Sainkho Namtchilak, who in the nineties was to enrich Europe's improvisational music with the resonant timbre of the harmonic, throat-singing technique she imported from faraway Tuva, and with whom Muthspiel (in a trio with the Swiss trombonist Roland Dahinden) had already done a tour of the Soviet Union.

Musically the enterprise was completely guided by the desire to give the musicians a stage. The composed parts of the music, unnamed in typical verbal asceticism, which echo the Vienna Art Orchestra and also Igor Strawinsky somewhat, are conspicuously manifest only once - in a dance based on Bulgarian folk music. Otherwise those parts are totally subordinate to the improvisation. "I didn't compose 'pieces,' but rather 'adaptors,' which indicated the destinations we would then head towards during the improvisation. I sought a form that could coherently contain the musicians' high potential and their wild anarchy without restraining them. It fascinated me to meet people whose social and political resistance, for up to thirty years, had been in their instruments. The only place they were really free was on stage. They felt extremely bitter towards the authoritarian system, but even with all the maneuvers (Petras Vysniauskas for example, who played with 'Octet Ost II', barely avoided being drafted for Afghanistan) the authorities could only restrict the circumstances of the music, but not the music itself. Which is why they put all their thoughts of freedom, and their dreams and visions there."

Muthspiel's Octet Ost underwent three transformations up to 1995 with changing East European musicians (Stanko and Vapirov were the only constants). In 1994 the project was documented on a second CD titled "Indirect View of Beauty". The extensive tours through Central Europe, and with the last formation through Russia, had the desired effect for many of the artists: to make contacts in the West and find better possibilities to work here. Muthspiel himself, today a successful composer of piano and violin concerts, among others, continued the ensemble idea of the octet with his group, Motley Mothertongue, in which he brought together improvisational and classical musicians. Octet Ost left its traces in many ways. And not only the music, but also the attitude is still relevant today. Twelve years after the fall of communism the former Soviet-bloc countries are now on the threshold of the European Union. And the lack, from many quarters - especially in Austria - of a hand stretched out to them, like Christian Muthspiel's was then, is only too apparent.